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Die PISA-Seuche |
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Es wird viel über lesetechnische "Behandlungen" diskutiert, aber Lesen ist keine Krankheit und Testen kein Allheilmittel!Man testet wieder. Der nächste PISA-Test steht vor der Tür. Davor gehen sich ein paar Standards mit Lernzielkontrolle aus. Und zum Drüberstreuen gibt es noch das Salzburger Lese-Screening. Nur fünf Minuten, und jedes Kind ist durchleuchtet – aber leider nicht erleuchtet. Nicht zu vergessen: regelmäßige Überprüfungsblätter zur Selbst- und Fremdkontrolle. Und im Einzelfall Fern- und Nahdiagnose mit genauer Symptombeschreibung möglicher Leseschwächen.
Nach PISA 2003 war allerorts – auch bei uns im Buchklub – viel davon die Rede, wie man die Kinder noch besser, noch früher und noch öfter testen und screenen kann, um sie möglichst früh lesetechnisch "behandeln" zu können.
| Lesen als Krankheit?
| Manche Diktion weckt dabei den Eindruck, Lesen sei eine Krankheit: die PISA-Seuche. Ich halte das frühe Erkennen von Leseschwächen für eine wichtige Maßnahme und habe auch kein wirklich gewichtiges Argument gegen die Einführung von Standards (außer einem indifferenten Unbehagen in der Magengegend).
Aber wir laufen in der Lesedidaktik wieder einmal Gefahr, Lesen in den klinischen Bereich abrutschen zu lassen und auf reine Lesetechnik zu reduzieren. Die Wortwahl in manchen Diskussionen – Screening, Symptome, Diagnose, Therapie – lässt mich erschaudern. Und noch bedrohlicher ist der Trend, im ständigen Testen der Kinder ein Allheilmittel zu sehen.
| Potter für jederkind | Dabei ist Vorsicht gegenüber Lesetests durchaus angebracht:
- Tests nehmen auf die Unterschiedlichkeit der Kinder und auf die Vielschichtigkeit des Lesens keine Rücksicht. Es gibt nicht "eine" Lesekompetenz, sondern eine Vielzahl von "Les-Arten", die je nach LeserIn, Text, Umfeld, Zugriff und Intention völlig verschieden sind. Selbst unter guten LeserInnen gibt es eine enorme Bandbreite von Rezeptionstechniken und Lesestrategien, auf die Tests keine Rücksicht nehmen: z. B. langsame, genaue LeserInnen versus SchnellleserInnen; manche hervorragende Leise-LeserInnen haben beim lauten Vorlesen soziale Sperren usw.
- Reduziert man Lesen auf mess- und überprüfbare Komponenten, dann beschränkt man es auf seinen mechanisch-technischen Aspekt und wird dem zentralen Anliegen eines ganzheitlichen, selbstständigen Informationserwerbs nicht gerecht.
- Es gibt auch kein "standardisiertes Testverfahren", das Lesekompetenz seriös abfragen kann, weil Tests im Schulalltag (statt unter Laborbedingungen) von vielen Zufallsfaktoren abhängig sind und überdies nur schmale Teilbereiche des Lesens abfragen können. So sagt die Zeitmessung zum Beispiel nichts über Textverständnis aus und das laute Vorlesen nichts über stilles Leseverhalten. Andererseits können einheitliche Testtexte standortbezogenen oder regional unterschiedlichen Wortschatz nicht berücksichtigen usw.
- Nur ein methodisch abwechslungsreicher Unterricht führt zum Erfolg, keinesfalls einer, der einseitig auf Messbarkeit hin orientiert ist ("teaching to the test").
| Traktor im Test | Überspitzt formuliert heißt das: Ein laut tuckernder Traktor vor dem Klassenzimmerfenster oder eine stark duftende Leberkässemmel im Bankfach können die Ergebnisse eines Tests nachhaltig beeinflussen.
Ich rate daher uns allen zu einem behutsamen, zurückhaltenden und gelassenen Umgang mit den diversen Testbatterien und deren Ergebnissen. Und ich empfehle uns allen dringend, zwischendurch selbst wieder einmal an simple Lesefreude und pures Leseglück zu denken. Das passt ja zum Sommer: Lesen ist Träumen in der Hängematte und auf der Badepritsche. Lesen ist Blättern in bunten Magazinen und Aufsaugen von spannenden und garantiert niveaufreien Verschwörungskrimis und Sommeranthologien. Lesen passt zu Sonnenschein und Regenwetter, Sommerwiese und Kaffeehaus.
Und ich bin heilfroh, dass ich nach Lektüre der aktuellen Sportberichte im "Kurier" oder nach der letzten Seite von Dan Browns "Sakrileg" keinen Lesefragebogen ausfüllen und keinen Lesetest bestehen muss, meint
Ihr frühsommerlich gestimmter Gerhard Falschlehner
| PS | PS: Und weil ein Leitartikel einen Grundgedanken haben sollte, weise ich noch schnell darauf hin: Das nächste Buchklubjahr steht ganz im Zeichen der Lesefreude – von der großen Aktion "Leseturm" in der Volksschule bis zum brandneuen "Buchklub CROSSOVER" für die Älteren.
Reaktionen und Anregungen bitte an Gerhard Falschlehner
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