
|
 |
Keine Werbung für Harry P. |
 |
Hogwarts ist überall. Wo sind die anderen Bücher?Es hat wieder kräftig gepottert. Mitternächtliche Bücherzüge fuhren auf Bahnhöfen ein, hektische JournalistInnen fotografierten hysterische Warteschlangen vor Buchläden, Zauberer mit Spitzhüten lachten von allen Titelbildern. Und unsere liebe Post lieferte die neuen Bände frühmorgens und pünktlich vor die Haustür. (Warum eigentlich nur einmal im Jahr?) Hogwarts war wieder mal überall. Und der nächste Hype steht auch schon vor der Tür. Darling, HP IV kommt ins Kino!
| Ich habe nix gegen Harry Potter | Ich habe wirklich nix gegen Harry Potter. Ganz im Gegenteil. HP ist eine wunderbare Leselokomotive. Und der Kinderliteratur tuts gut, wenn das Medieninteresse für dieses Genre einmal riesengroß ist. Und Joanne K. Rowling schreibt wunderbare Bücher – Harry Potter ist qualitativ vom Feinsten. Aber dennoch hat die Potter-Mania ihre Schattenseiten. Bücherschenkwillige Anverwandte habens heuer zu Weihnachten(zu) einfach: Statt sich zu informieren, welche Bücher das Beschenkkind wirklich interessieren könnten, schnappen sie einfach einen Potter-Wälzer und schon haben sie das "ideale Geschenk", egal ob es zum Kind passt oder nicht. Potter kann ja nicht falsch sein, er ist schön schwer, alle Welt kennt ihn, und alle Welt kann nicht irren.
| Potter für jederkind | Potter für jederkind. Übersehen wird oft, dass die Potter- Bände spätestens ab Band 3 keine Kinderbücher, sondern Jugendbücher für Ältere sind – denn Harry Potter altert im Gegensatz zu anderen Buchhelden in jedem Band um ein Jahr, und entsprechend anspruchsvoller und erwachsener werden die Bücher. VolksschülerInnen sind mit Voldemorts grausigen Plänen und den harten Showdowns heillos überfordert. Und es soll Lesemuffel (Lesemuggel?) geben, die mit Zaubergeschichten nichts am (Zauber-)Hut haben und die ein Kilo Buch heillos überfordert: im doppelten Sinn ein zu schweres Buch. Ich fürchte, Harry Potter hält zu seinen vielen positiven auch einen weiteren – negativen – Weltrekord: das meist-nicht-gelesene Geschenkbuch der Welt. Schlimm wird’s im Kino: Da sitzen dann auch reihenweise bibbernde Kleinkinder, geschockt von perfekt gemachten Horrorszenen, weil die Eltern Altersempfehlungen ignorieren. Potter schenken: Ja, natürlich! Und wenn Menschen Harry Potter kaufen, die sonst keine Bücher schenken: Hurra! Aber Potter schenken, nur weil’s alle tun und weil’s bequem ist: Nein, danke!
| Gegen den Potter-Strom | Die Alternative: Es sind noch andere Bücher zu lesen – jenseits von Hogwarts. Doch die Potter-Maschine walzt über alles drüber, und all die anderen wunderbaren Kinder- und Jugendbücher, die das Pech haben, zeitgleich mit Potter zu erscheinen, verkümmern unbeachtet. Keiner rezensiert sie, keiner legt sie in die Auslagen, kaum einer beachtet sie. So ist der freie Markt – könnte man nun einfach sagen. Es geht aber auch anders. Und darum schwimmen wir gegen den Potter-Strom: Wir machen fröhlich Werbung für den neuesten Janisch und den jüngsten Mauz, präsentieren wunderbare neue Bücher von Saskia Hula bis Renate Welsh. Für jeden Geschmack, für jedes Lesealter, für jeden Geduldsfaden. In unserem neuen BOB-Katalog empfehlen wir 120 wunderbare Kinder- und Jugendbücher aus den neuesten Verlagsproduktionen. Unsere BOB-Wanderkollektionen sind 30-mal in Österreichs Schulen unterwegs. Literarische Vielfalt statt Einpott (zugegeben: ein schwacher Kalauer!).
| Nimm zwei! | Und darum fordere ich hiermit ultimativ alle Zeitungen auf, für jeden Potter-(Jubel-)Artikel in ihrem Blatt mindestens ein anderes gutes Jugendbuch zu rezensieren. Und ich hätte eine Idee für alle buchschenkwütigen Verwandten: Nimm zwei! Zu jedem Potter-Buch sollten sie ein Buch eines österreichischen Autors kaufen und schenken. Denn zwei Bücher sind besser als eins! Und der uralte Witz vom "Zweitbuch" hätte endlich einen Sinn erhalten!
Viel Spaß beim Lesen und frohes Schenken wünscht Gerhard Falschlehner
Reaktionen und Anregungen bitte an Gerhard Falschlehner
|
|