WELTRAUMFAHRT
In
den letzten Jahrzehnten beginnt die Idee der Weltraumfahrt greifbare
Formen anzunehmen, und der Gedanke, mit Hilfe des Raketenantriebes ein
Raumschiff zum Mond oder zu einem Nachbarplaneten zu starten, scheint
heute oder morgen Wirklichkeit zu werden.
Die Schwierigkeiten liegen vorerst in der
Bereitstellung eines genügend energiereichen Treibstoffes für den
Raketenmotor, um der Rakete jene Endgeschwindigkeit zu geben, die
ausreicht, die Schwerkraft der Erde zu überwinden; in der Nähe der
Erdoberfläche muss sie 2 km/sec betragen. Als Raketentreibstoff wurde
bisher in den meisten Fällen gewässerter Alkohol oder Anilin verwendet.
Zur Verbrennung dieser Stoffe wird flüssiger Sauerstoff oder Salpetersäure
mitgeführt. Die bisher verwirklichten Raketenkonstruktionen haben nur bis
zur Schwelle des Weltraumes geführt. Die V 2 erreichte eine Höhe von 189
km, Viking 206 km, V 2 kombiniert mit einer WAC-Corporal-Rakete 415 km. In
dieser Höhe hat die Lufthülle der Erde praktisch zu wirken aufgehört.
Kombinationen von zwei und mehreren Raketen
übereinander werden als Stufenraketen bezeichnet. Sie erreichen weit
größere Höhen als einfache Raketen. Der Vorteil liegt darin, dass die
unterste Rakete die anderen in eine bestimmte Höhe befördert, sich nach
Verbrauch des Treibstoffes abkuppelt und zurückfällt, während die nächste
Stufe zündet. Auf diese Weise ist es nicht nötig, die ganze Raketenlast in
große Höhen zu schleppen.
Der deutsche Raketenfachmann Dr. Wernher v.
Braun, der jetzt in den USA arbeitet, hat eine Dreistufenrakete entworfen. Sie
ist 80 m hoch, am unteren Ende hat sie einen Durchmesser von 20 m. Sie
wiegt rund 7000 t, wie ein kleiner Kreuzer. Die drei gewaltigen Triebwerke
der Riesenrakete werden durch Hydrazin als Brennstoff und Salpetersäure
als Sauerstoffträger gespeist. 51 Raketenbrennkammern, die zusammen eine
Schubkraft von 12.800 t entwickeln, treiben die unterste Stufe an. Die
zweite, mittlere Stufe hat 34 Raketenkammern, die einen Gesamtschub von
1600 t geben. Die dritte und letzte Stufe, in der sich auch die Kabine
befindet, hat 5 Raketenbrennkammern, die einen Gesamtschub von 200 t
entwickeln.
Diese Dreistufenrakete
soll in einer Höhe von 102 km mit ihrer letzten Stufe eine Geschwindigkeit
von 23.750 km in der Stunde erreichen. Wenn sie in eine horizontale Bahn
lenkt, fällt sie nicht mehr zur Erde zurück,
sondern kreist antriebslos um die Erdkugel; sie ist zu einem künstlichen
Mond geworden, zur „Außenstation“.
Eine solche Außenstation gilt als erstes Ziel auf dem Wege
zur Verwirklichung der Weltraumfahrt. Transportraketen, ähnlich der
beschriebenen Dreistufenrakete, bringen das Material zum Bau einer
Außenstation in eine Kreisbahn um die Erde, die in einer Höhe von 1730 km
über der Erdoberfläche angenommen wird. Die Außenstation soll als
Zwischenstation, Materialbasis und Sprungbrett ins Weltall dienen. Sie ist
mit Kraftstation, Klimaanlage, meteorologischer Station,
Temperaturregulierung, astronomischem Observatorium, Luftkontrolle,
Luftschleuse usw. versehen.
In
Raumanzügen, die nach dem Prinzip der Taucheranzüge konstruiert sind,
sollen sich die Menschen auch im freien Weltraum bewegen können. Durch ein
Sauerstoffgerät werden sie mit atembarer Luft versorgt, eine
Rückstoßpistole dient zur Fortbewegung. Zur Debatte stehen jedoch auch
Fragen der Luftmedizin. Z. B.: Wie verhält sich der menschliche Körper im
schwerelosen Raum? Wie groß sind die Gefahren der kosmischen Strahlung?
Wie groß ist die Gefährdung durch Meteoriten? Tierversuche an Mäusen und
Affen haben ergeben, dass die Schwerelosigkeit kürzere Zeit hindurch ohne
Schaden ertragen wird. Die beiden anderen Fragen können erst beantwortet
werden, wenn eine Außenstation geschaffen ist.
Auf einer
Tagung der Universität von Buffalo (USA), die das Thema „Aussichten der
Menschheit im nächsten halben Jahrhundert" zum Beratungsgegenstand hatte,
wurde von den Fachleuten die Meinung vertreten, dass es
atomkraftbetriebene Raumschiffe, die zum Mond fliegen können, wohl erst in
40 - 50 Jahren geben werde. Die mit der Konstruktion und dem Bau der
Raketen beschäftigten Techniker sind dabei noch weniger erfolgssicher. Dr.
Wernher von Braun ist der Meinung, dass das künftige Raumschiff nicht mit
Atomkraft betrieben sein wird. Innerhalb des nächsten Vierteljahrhunderts
würden wir kaum über einen Kernenergie-Raketenantrieb verfügen, der
billiger käme als chemische Energiequellen.
Umstritten
ist auch noch das Problem der Geschwindigkeit eines Raumschiffes. Der
hohen Reibungswärme - nach Dr. Braun ist mit Hüllentemperaturen von über
500 Grad zu rechnen (Rückflug 750 Grad C) – wäre kein heute verfügbarer
Stahl gewachsen. Selbst wenn er die Hitze aushalten könnte, so wäre das
Problem der Kühlung in einem mit maschinellen Anlagen überfüllten
Weltraumschiff noch immer schwierig.
Aus:
Buchklubjahrbuch 1954. Seite 151/152.
ARBEITSIMPULSE
Welche im Text als Zukunftsvision
aufgestellten Behauptungen sind heute bereits umgesetzt worden? Welche
technischen Angaben können aus heutiger Sicht bereits als falsch
bezeichnet werden? Versuche diese Fragen mit Hilfe eines Sachbuches oder
mit Unterstützung deines Physiklehrers zu klären!
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Rudolf G. Binding
DIE PERLE
Schon in
sehr jungen Jahren war ich der angesehenste Juwelier und Goldschmied in
Paris und zugleich - worauf es mir noch mehr ankam - der größte Kenner von
schönen Perlen, den es damals in der Welt gab. Das Geschäft mit einem der
vornehmsten Läden in der Rue de la Paix hatte ich gemeinsam mit meinem um
viele Jahre älteren Bruder von meinem früh verstorbenen Vater geerbt. Ich
verstand mein Handwerk. Aber meine ganze Liebe, meine Leidenschaft
gehörten nicht den Edelsteinen, dem Gold, sie gehörten der Perle. Der
Perle als dem edelsten Schmuck der Frau! Ich sah kein weibliches Gesicht,
keinen Hals einer Frau, ohne sie in Gedanken mit dem Schimmer, mit der
Anmut, mit der Zartheit eines Perlengehänges, einer Perlenschnur zu
erhöhen. Edle Steine? - Sie streiten sich immer mit der Frau; sie sind
unerbittlich und ohne Gnade; sie wollen sich gegen das Fleisch behaupten,
und je schöner sie sind, desto mehr bestehen sie auf ihrem Recht. Aber je
schöner die Perle ist, desto schöner schmückt sie. Sie widerstrebt nicht.
Sie atmet mit dem Fleisch. Sie lebt mit dem Leben.
Aber ich
schweife ab. - Genug: meine Leidenschaft, meine Liebe machten mich zu dem
außerordentlichsten Kenner und dadurch zu einem der anspruchsvollsten
Perlenhändler der damaligen Zeit. Die schönsten und kostbarsten Perlen der
Welt gingen durch meine Hände. Nur die vollkommensten, die reinsten, die
edelsten, die völlig untadeligen hielt ich meiner Aufmerksamkeit wert und
duldete sie in unserem Laden, der bald der fast geheiligte Boden
ebensowohl für die zahlreichen Perlenanbeter und Perlennarren wie für die
großen Sachverständigen wurde, die ihn besuchten.
Eines Tages
betrat ein hochgewachsener Mann den Laden. Er sprach nicht sehr gut
Französisch und gab den artigen Versuch, sich in dieser Sprache
verständlich zu machen, bald auf, indem er es einer auffallend schönen
Frau, die mit ihm eingetreten war, überließ, ihre Wünsche zu äußern.
Ich kann
nicht sagen, dass mir der Mann gefiel. Er schien mir kalt, unzart und
berechnend, und ich gönnte ihm in meinem Herzen die entzückende Frau
nicht, die, eine Pariserin höchster Anmut, mich sofort mit ihrem Auftreten
und Wesen bezauberte.
Ich legte
dem Paar unsere schönsten Perlen vor und muss bekennen, dass mich bald
eine geheime Lust ergriff, die Ohren dieser Frau zu schmücken. Sie waren
die lieblichsten Kunstwerke der Natur: vom Schmelz, von der Kühle und vom
Flaum, vom Licht und Tau von Rosenblättern. Sie schien nur das Edelste zu
ertragen, nur des Edelsten würdig, nur des Schönsten gewärtig. Schließlich
lag mein ganzer Bestand der ausgesuchtesten Perlen vor dem Mann und der
Frau ausgebreitet, und ich konnte ihm nicht ganz widersprechen: sooft die
Frau auch selbst die schönsten Perlen ihrem Ohre näherte, schüttelte er
unbefriedigt den Kopf. Ihre Ohren triumphierten immer noch über jede
Perle.
„Haben
Sie nichts Vornehmeres, nichts Köstlicheres?“ fragte der Mann. „Gegen die
Perlen, die Sie mir zeigen, ist gewiss nichts einzuwenden: sie sind von
großer Schönheit. Aber sie werden doch zugeben, dass die Wirkung noch zu
steigern ist, dass diese Perlen sozusagen nicht ausreichen.“
„Ich habe
noch eine Perle“, sagte ich, „die schönste, die ich besitze; aber sie ist
eigentlich nicht im Handel und überdies habe ich keine zweite, die zu ihr
passt, um ein Paar abzugeben: sie ist ein Einzelstück.“
Während
dieser Worte trat ich zu dem geöffneten Juwelenschrank hinter mir und
entnahm einem gesonderten Fach eine einzelne Perle, die ich - ungefasst
wie sie war - auf dem bloßen Handteller dem Herrn und der Dame zum
Betrachten vorwies.
„Ah!
Wundervoll!“ sagte der Engländer in sichtlicher Freude, und auch die Frau
konnte sich eines Zeichens des Entzückens nicht erwehren.
Ich fasste
die Perle zwischen die gespitzten Finger meiner rechten Hand und näherte
sie langsam dem Ohr der schönen Frau, die es dem Schmuckstück leicht
entgegenhielt. In diesem Augenblick gewahrte ich, dass dies allerdings
eine Perle war, mit der man dies Ohr hätte schmücken müssen, um seinen
Liebreiz, um die Schönheit dieses Antlitzes, um den Adel dieser Gestalt
recht zu fassen. Die Größe der Perle, ihre Farbe, ein gedämpfter grauer
und dennoch zugleich rosenfarbener Ton, ihr Glanz, ihre Rundung, ihre
ganze Körperlichkeit, ihre Transparenz, ihr Schmelz, ihr zarter eigener
Flaum - man konnte sich nichts Schöneres für diese Frau vorstellen.
„Ich möchte
aber die Perle auf alle Fälle kaufen. Machen Sie mir einen Preis. “
Wie er dies
so hinsagte, als ob es nichts sei, um das es ginge, ritt mich der Teufel.
Ich nannte einen ungeheuren Preis, wie er sicher noch nie für eine Perle
bezahlt wurde. Ich wollte ihn abschrecken und ihm zugleich klarmachen, was
ich von meiner Perle hielt. Ich hätte eher der Frau die Perle verehren
mögen als sie ihm verkaufen und dachte eigentlich nicht daran, meine
heimliche Augenweide preiszugeben.
„Sehr
teuer“, sagte der Engländer mit einem leichten Vorwurf. Aber es
erschütterte ihn nicht. Er wiederholte den Preis. Er überlegte
anscheinend. „Gut“, sagte er, „ich kaufe die Perle. Sie werden mir die
zweite dazu suchen. Ich zahle für die zweite jeden Preis. “
„Die Perle
ist ohne Fassung“, sagte ich; „erlauben Sie mir, ihr wenigstens die
Fassung zu geben, die ihr ansteht und die Madame ansteht, die sie tragen
wird. Ich werde vorsehen, dass man sie auch einzeln tragen kann; denn es
wird schwer sein - vielleicht unmöglich - eine gleiche zu finden. “
„Das soll
mich nicht hindern, dass ich sie bezahle“, erwiderte der Engländer. Er
händigte mir den Scheck ein, gab mir seine Londoner Wohnung in Park Lane
am Hydepark an und verließ, selbstbewusst und gelassen seiner schönen Frau
folgend, meinen Geschäftsraum.
Kaum hatte
sich die Tür hinter ihm geschlossen, wurde mir bewusst, was ich getan
hatte. Es reute mich, dass ich mich um schnöden Gewinn von der Perle, die
meine Freude gewesen war, trennen sollte. Aber noch mehr: ich fühlte eine
Eifersucht an meinem Herzen bohren, dass es ihm erlaubt sein sollte, nun
für sein Geld die Frau mit meiner Perle zu schmücken.
Der Ehrgeiz des Goldschmiedes ergriff mich:
dann sollte sie wenigstens eine Fassung erhalten, die sich als ein
Meisterstück sehen lassen konnte. Es würde dennoch meine Perle sein, die
sie trug. Ich konnte diese Frau nicht ansingen, konnte mich ihr vielleicht
überhaupt nicht nähern - aber ich konnte sie schmücken.
Ich ließ es
mir nicht nehmen, nach London zu fahren, um ihr die Perle womöglich
persönlich zu überreichen. Diese war jetzt in einen schwellenden Kelch von
grünlichem Golde gefasst. Er war von jener Einfachheit der Form, wie sie
sonst nur die Natur selbst hervorbringt und die nur Meisterwerke von
Menschenhand sich erlauben können. Ich arbeitete und bildete ihn mit einer
Inbrunst, die ich nie an mir gekannt hatte. Nur mit der Vollkommenheit
dieser Perle durfte ich das Vornehmste wagen. Sie war das schönste
Ohrgehänge, das ich je in der Hand hielt. Sie war auch einzeln am Hals zu
tragen, da ich einen goldenen Faden glühen ließ, den ich ihr beizulegen
gedachte, wenn ich sie der Frau überbrachte.
Ich betrat
ein mit allem Bedacht und allem Geschmack ausgestattetes Heim in der
angegebenen Straße. Es war wohl nur gemietet. In dem Ablegeraum fand sich
reichliches Angelgerät für alle Fische der Welt. Als ich es mit prüfendem
Blick streifte, sagte der Diener, der Herr sei zum Fischen auf dem Lande.
Die Lady bitte mich, sie in dem Vorraum ihres Ankleidezimmers zu
erwarten.
Sie betrat
nach einer Weile diesen Vorraum in voller Abendtoilette. Sie erwarte ihren
Mann, sagte sie, der schon für den Abend umgezogen aus einem öffentlichen
Dampfbad komme, das er nach Jagd- oder Fischereitagen häuslicher Bedienung
vorziehe; er hole sie nur gerade zu einem frühen Diner ab. Da müsse sie
bereit sein.
Als ich ihr
die Perle überreichte, ließ sie sich schweigend, wie betroffen, auf einen
kleinen Schemel niedersinken. Die Perle lag lange in der Höhlung ihrer
Hand.
„Ich danke
Ihnen“, sagte sie leise und überwältigt. „Ich werde sie heute das erste
Mal tragen. “ Bei diesen Worten erhob sie sich und legte, mir das
Schmuckstück zurückgebend, eine Kette ab, die sie für den Abend schon um
ihren Hals geschlossen hatte.
Ich
zitterte. Denn nun nahm sie den geglühten Reifen, nahm die Perle, nahm
meinen Schmuck, mit dem ich sie schmückte, aus meiner Hand, bog das Gold
des Reifs auseinander und legte es, vor den Spiegel tretend, um ihren
jungen Hals.
Ich aber
stand hinter ihr und genoss ihren Anblick im Spiegel wie einen geheimen
Triumph, den mir niemand rauben konnte.
Endlich
fragte sie halb verträumt, mich im Spiegel anblickend: „Werden Sie die
zweite für mich finden? “ Es war ein leiser Zweifel in ihrer Stimme.
„Wenn es
überhaupt eine zweite dieser Vollkommenheit und Schönheit auf der Welt
gibt, bin ich sicher, sie zu finden“, sagte ich zuversichtlich, während
sie sich wieder in den Anblick der Perle vertiefte.
„Ich muss
fort“, sagte sie plötzlich aufschreckend. — Es klingelte und ein Diener
meldete vor der Tür, Mylord erwarte die Lady im Wagen. „Ich danke Ihnen“,
sagte sie noch einmal wie zuvor, leise und feierlich; danach verbeugte sie
sich mit niedergeschlagenen Augen und seitlich gebreiteten Armen tief vor
mir, wie zu einer Huldigung. Dann ging sie.
Als ich die
Treppe hinter ihr hinabstieg, erhaschte ich nur noch einen Wink ihres
Gatten und einen freundlichen Zuruf, wie es mir schien, aus dem sich
entfernenden Wagen.
Mehr als
zwei Jahre, nachdem ich mich von meiner Perle getrennt hatte, wurde mir
von einem Wiener Goldschmied, Leiter eines dort berühmten
Juwelengeschäftes, eine Perle angeboten, die nach Größe und Lüster, nach
allen Eigenschaften, die er von ihr angab, etwa derjenigen gleichkommen
mochte, die ich seinerzeit besessen. Ein junger Inder habe sie ihm zum
Kaufe angeboten. Doch könne er die Perle wegen des zu hohen Preises nicht
verwerten. Die Perle sei wohl eher für den Pariser Markt geeignet.
Der Preis
überstieg alles bisher Erhörte. Er war annähernd doppelt so hoch wie der,
den ich für meine Perle erhalten hatte. Ich sandte ein umfangreiches
Telegramm nach London. Ich musste wissen, ob der Engländer noch zu seinem
Auftrag stehe.
„Ich zahle
für die zweite Perle jeden Preis“, war seine Antwort.
Am nächsten
Tag reiste ich nach Wien.
Eine nie
gefühlte Spannung ergriff und beunruhigte mich. War die Perle, der ich
entgegenfuhr, wirklich das Gegenstück der meinen, so stand mir nicht nur
das größte Geschäft, sondern auch das größte Erlebnis meines Berufes
bevor.
In Wien
fanden die Verhandlungen in dem hinter dem geräumigen Laden des Juweliers
gelegenen Geheimkabinett statt, das ihm zur Untersuchung aller Arten von
Edelsteinen und Schmuck diente. „Machen Sie sich auf die schönste Perle
gefasst, die Sie je gesehen haben“, sagte er lächelnd.
Er nahm sie
aus einer kleinen Sandelholzschachtel, in der sie ihm der Inder in ein
Stück Seide gebettet übergeben hatte.
Ich war wie
von einem Blitz durchzuckt, als er sie vor mich hinlegte. Denn ich sah auf
den ersten Blick, dass es die Perle war, die ich suchte. Sie war das
vollkommene, das täuschende Gegenstück jener ersten.
Ich brauche
nicht zu sagen, dass ich sie hundertmal betrachtete, in jedem Licht, in
jedem Schatten, von jeder Nähe und von jeder Entfernung: sie blieb das
völlige Ebenbild der meinen. Ich glaubte einen kleinen Unterschied im
Umfang, in der Größe zu entdecken, zu messen - er war, wenn überhaupt
vorhanden, so gering, dass er nicht ins Gewicht fiel.
Ich kaufte
die Perle. Es war das Werk einer halben Stunde. Ich telegraphierte das
Ergebnis meinem Bruder nach Paris, meinem Auftraggeber nach London. Als
ich die Perle in der Tasche hatte, erschien mir jedes längere Verweilen in
Wien unmöglich und unsinnig.
Ich stellte
fest, dass ich, wenn ich auf meiner Fahrt nach London Paris nicht
berühren, sondern durch Deutschland am Rhein hinunterfahren würde, einige
Stunden sparen könnte. Ich nahm diesen Weg. Mehr als ich mir eingestand,
brannte ich darauf, der Frau, die in meinem Herzen lebte, die Perle zu
überbringen, sie wiederzusehen, ihren dankenden Blick, ihr leises Wort des
Lobes zu ernten und mir darin den Lohn für meine Bemühungen, für meine
Geschicklichkeit zu holen.
Das
Nachtschiff von Hoek van Holland kam damals in den Frühstunden in Harwich
an; man erreichte London am Morgen zu guter Stunde. Ich konnte es kaum
erwarten und gedachte, die Frau, den Mann so bald als möglich durch die
Perle, mit deren so frühem Eintreffen sie nicht gerechnet haben konnten,
zu überraschen. Sobald es mir schicklich schien, fuhr ich nach Park Lane.
„Es ist
niemand im ersten Stock“, sagte der Pförtner, der mir öffnete. Ich
überhörte seine Bemerkung; ich eilte schon die Stufen hinauf. Die Tür
stand offen; ich trat in den Vorraum — die Wohnung war leer.
Ich war wie
vor den Kopf geschlagen. Der Pförtner, der hinter mir, meine Verwunderung
vermutend, heraufgekommen war, antwortete auf Befragen, die Wohnung sei in
den letzten Tagen ordnungsmäßig geräumt worden. Mylord habe sich gestern
nach Indien eingeschifft. Die Lady sei, soviel er wisse, am gleichen Tage
auf ihren Wunsch nach Paris gefahren.
Ich konnte
mir das alles nicht zusammenreimen. Es würde sich ja, sagte ich mir, alles
aufklären. Aber die unbestimmte Angst eines Unheils stieg dennoch in mir
auf. Wollte sie vielleicht die Perle in Paris in Empfang nehmen?
Ich machte
mich sofort auf die Fahrt nach Paris. Als ich noch an dem gleichen Tage in
Calais die Landungsbrücke betrat, klopften mir Herz und Pulse zum
Zerspringen: Ich gewahrte am Ende der Brücke meinen Bruder unter den
Menschen, die die Ankommenden erwarteten. Er war bleich und verfallen.
„Unglückseliger! “ rief er mir zu, als ich ihm gegenüberstand, und
sah mir starr ins Gesicht.
Da schlug es
mir plötzlich wie Flammen in die Augen. Eine grässliche Klarheit fiel über
mich her und vernichtete mich. Ja! Ich war ein Unglückseliger: ich hatte
in ungeheurer Verblendung meine eigene Perle wiedergekauft.
Aus:
Buchklubjahrbuch 1954. Seite 95/101.
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