JAHRBUCH 1954 CoverIm Rahmen der CYBER.TOUR zum Staatsvertragsjubiläum wollten wir dir auch zwei Texte - einen Sachtext und eine Erzählung - aus einem Jahrbuch des Buchklubs aus den Fünfzigerjahren vorstellen. Was liegt näher, als den Band des Schuljahres 1954/55 auszuwählen.

 

Der Sachtext handelt von der Weltraumfahrt und ist besonders interessant, weil der Text 1954 geschrieben wurde - erst 1957 konnte Russland (damals noch als Sowjetunion bezeichnet) den ersten Satelliten ins All schießen, erst 1961 umkreiste Juri Gagarin als erster Mensch die Erde. Die Erzählung von Rudolf Binding hat - soviel sei verraten - einen ungewöhnlichen Schluss ...

 

Beide Texte können im WORD-Format heruntergeladen, ausgedruckt oder weiter bearbeitet werden.

 

WELTRAUMFAHRT

 

RAKETE IllustrationIn den letzten Jahrzehnten beginnt die Idee der Weltraumfahrt greifbare Formen anzunehmen, und der Gedanke, mit Hilfe des Raketenantriebes ein Raumschiff zum Mond oder zu einem Nachbarplaneten zu starten, scheint heute oder morgen Wirklichkeit zu werden.

 

Die Schwierigkeiten liegen vorerst in der Bereitstellung eines genügend energiereichen Treibstoffes für den Raketenmotor, um der Rakete jene Endgeschwindigkeit zu geben, die ausreicht, die Schwerkraft der Erde zu überwinden; in der Nähe der Erdoberfläche muss sie 2 km/sec betragen. Als Raketentreibstoff wurde bisher in den meisten Fällen gewässerter Alkohol oder Anilin verwendet. Zur Verbrennung dieser Stoffe wird flüssiger Sauerstoff oder Salpetersäure mitgeführt. Die bisher verwirklichten Raketenkonstruktionen haben nur bis zur Schwelle des Weltraumes geführt. Die V 2 erreichte eine Höhe von 189 km, Viking 206 km, V 2 kombiniert mit einer WAC-Corporal-Rakete 415 km. In dieser Höhe hat die Lufthülle der Erde praktisch zu wirken aufgehört.

 

Kombinationen von zwei und mehreren Raketen übereinander werden als Stufenraketen bezeichnet. Sie erreichen weit größere Höhen als einfache Raketen. Der Vorteil liegt darin, dass die unterste Rakete die anderen in eine bestimmte Höhe befördert, sich nach Verbrauch des Treibstoffes abkuppelt und zurückfällt, während die nächste Stufe zündet. Auf diese Weise ist es nicht nötig, die ganze Raketenlast in große Höhen zu schleppen.

 

Der deutsche Raketenfachmann Dr. Wernher v. Braun, der jetzt in den USA arbeitet, hat eine Dreistufenrakete entworfen. Sie ist 80 m hoch, am unteren Ende hat sie einen Durchmesser von 20 m. Sie wiegt rund 7000 t, wie ein kleiner Kreuzer. Die drei gewaltigen Triebwerke der Riesenrakete werden durch Hydrazin als Brennstoff und Salpetersäure als Sauerstoffträger gespeist. 51 Raketenbrennkammern, die zusammen eine Schubkraft von 12.800 t entwickeln, treiben die unterste Stufe an. Die zweite, mittlere Stufe hat 34 Raketenkammern, die einen Gesamtschub von 1600 t geben. Die dritte und letzte Stufe, in der sich auch die Kabine befindet, hat 5 Raketenbrennkammern, die einen Gesamtschub von 200 t entwickeln.

 

Diese Dreistufenrakete soll in einer Höhe von 102 km mit ihrer letzten Stufe eine Geschwindigkeit von 23.750 km in der Stunde erreichen. Wenn sie in eine horizontale Bahn lenkt, fällt sie nicht mehr zur Erde zurück, sondern kreist antriebslos um die Erdkugel; sie ist zu einem künstlichen Mond geworden, zur „Außenstation“. Eine solche Außenstation gilt als erstes Ziel auf dem Wege zur Verwirklichung der Weltraumfahrt. Transportraketen, ähnlich der beschriebenen Dreistufenrakete, bringen das Material zum Bau einer Außenstation in eine Kreisbahn um die Erde, die in einer Höhe von 1730 km über der Erdoberfläche angenommen wird. Die Außenstation soll als Zwischenstation, Materialbasis und Sprungbrett ins Weltall dienen. Sie ist mit Kraftstation, Klimaanlage, meteorologischer Station, Temperaturregulierung, astronomischem Observatorium, Luftkontrolle, Luftschleuse usw. versehen.

 

In Raumanzügen, die nach dem Prinzip der Taucheranzüge konstruiert sind, sollen sich die Menschen auch im freien Weltraum bewegen können. Durch ein Sauerstoffgerät werden sie mit atembarer Luft versorgt, eine Rückstoßpistole dient zur Fortbewegung. Zur Debatte stehen jedoch auch Fragen der Luftmedizin. Z. B.: Wie verhält sich der menschliche Körper im schwerelosen Raum? Wie groß sind die Gefahren der kosmischen Strahlung? Wie groß ist die Gefährdung durch Meteoriten? Tierversuche an Mäusen und Affen haben ergeben, dass die Schwerelosigkeit kürzere Zeit hindurch ohne Schaden ertragen wird. Die beiden anderen Fragen können erst beantwortet werden, wenn eine Außenstation geschaffen ist.

 

Auf einer Tagung der Universität von Buffalo (USA), die das Thema „Aussichten der Menschheit im nächsten halben Jahrhundert" zum Beratungsgegenstand hatte, wurde von den Fachleuten die Meinung vertreten, dass es atomkraftbetriebene Raumschiffe, die zum Mond fliegen können, wohl erst in 40 - 50 Jahren geben werde. Die mit der Konstruktion und dem Bau der Raketen beschäftigten Techniker sind dabei noch weniger erfolgssicher. Dr. Wernher von Braun ist der Meinung, dass das künftige Raumschiff nicht mit Atomkraft betrieben sein wird. Innerhalb des nächsten Vierteljahrhunderts würden wir kaum über einen Kernenergie-Raketenantrieb verfügen, der billiger käme als chemische Energiequellen.

 

Umstritten ist auch noch das Problem der Geschwindigkeit eines Raumschiffes. Der hohen Reibungswärme - nach Dr. Braun ist mit Hüllentemperaturen von über 500 Grad zu rechnen (Rückflug 750 Grad C) – wäre kein heute verfügbarer Stahl gewachsen. Selbst wenn er die Hitze aushalten könnte, so wäre das Problem der Kühlung in einem mit maschinellen Anlagen überfüllten Weltraumschiff noch immer schwierig.

 

Aus: Buchklubjahrbuch 1954. Seite 151/152.

 

ARBEITSIMPULSE

 

Welche im Text als Zukunftsvision aufgestellten Behauptungen sind heute bereits umgesetzt worden? Welche technischen Angaben können aus heutiger Sicht bereits als falsch bezeichnet werden? Versuche diese Fragen mit Hilfe eines Sachbuches oder mit Unterstützung deines Physiklehrers zu klären!

 

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Rudolf G. Binding

 

DIE PERLE

 

Schon in sehr jungen Jahren war ich der angesehenste Juwelier und Goldschmied in Paris und zugleich - worauf es mir noch mehr ankam - der größte Kenner von schönen Perlen, den es damals in der Welt gab. Das Geschäft mit einem der vornehmsten Läden in der Rue de la Paix hatte ich gemeinsam mit meinem um viele Jahre älteren Bruder von meinem früh verstorbenen Vater geerbt. Ich verstand mein Handwerk. Aber meine ganze Liebe, meine Leidenschaft gehörten nicht den Edelsteinen, dem Gold, sie gehörten der Perle. Der Perle als dem edelsten Schmuck der Frau! Ich sah kein weibliches Gesicht, keinen Hals einer Frau, ohne sie in Gedanken mit dem Schimmer, mit der Anmut, mit der Zartheit eines Perlengehänges, einer Perlenschnur zu erhöhen. Edle Steine? - Sie streiten sich immer mit der Frau; sie sind unerbittlich und ohne Gnade; sie wollen sich gegen das Fleisch behaupten, und je schöner sie sind, desto mehr bestehen sie auf ihrem Recht. Aber je schöner die Perle ist, desto schöner schmückt sie. Sie widerstrebt nicht. Sie atmet mit dem Fleisch. Sie lebt mit dem Leben.

 

Aber ich schweife ab. - Genug: meine Leidenschaft, meine Liebe machten mich zu dem außerordentlichsten Kenner und dadurch zu einem der anspruchsvollsten Perlenhändler der damaligen Zeit. Die schönsten und kostbarsten Perlen der Welt gingen durch meine Hände. Nur die vollkommensten, die reinsten, die edelsten, die völlig untadeligen hielt ich meiner Aufmerksamkeit wert und duldete sie in unserem Laden, der bald der fast geheiligte Boden ebensowohl für die zahlreichen Perlenanbeter und Perlennarren wie für die großen Sachverständigen wurde, die ihn besuchten.

 

Eines Tages betrat ein hochgewachsener Mann den Laden. Er sprach nicht sehr gut Französisch und gab den artigen Versuch, sich in dieser Sprache verständlich zu machen, bald auf, indem er es einer auffallend schönen Frau, die mit ihm eingetreten war, überließ, ihre Wünsche zu äußern.

 

Ich kann nicht sagen, dass mir der Mann gefiel. Er schien mir kalt, unzart und berechnend, und ich gönnte ihm in meinem Herzen die entzückende Frau nicht, die, eine Pariserin höchster Anmut, mich sofort mit ihrem Auftreten und Wesen bezauberte.

 

Ich legte dem Paar unsere schönsten Perlen vor und muss bekennen, dass mich bald eine geheime Lust ergriff, die Ohren dieser Frau zu schmücken. Sie waren die lieblichsten Kunstwerke der Natur: vom Schmelz, von der Kühle und vom Flaum, vom Licht und Tau von Rosenblättern. Sie schien nur das Edelste zu ertragen, nur des Edelsten würdig, nur des Schönsten gewärtig. Schließlich lag mein ganzer Bestand der ausgesuchtesten Perlen vor dem Mann und der Frau ausgebreitet, und ich konnte ihm nicht ganz widersprechen: sooft die Frau auch selbst die schönsten Perlen ihrem Ohre näherte, schüttelte er unbefriedigt den Kopf. Ihre Ohren triumphierten immer noch über jede Perle.

 

DIE PERLE Illustration„Haben Sie nichts Vornehmeres, nichts Köstlicheres?“ fragte der Mann. „Gegen die Perlen, die Sie mir zeigen, ist gewiss nichts einzuwenden: sie sind von großer Schönheit. Aber sie werden doch zugeben, dass die Wirkung noch zu steigern ist, dass diese Perlen sozusagen nicht ausreichen.“

 

„Ich habe noch eine Perle“, sagte ich, „die schönste, die ich besitze; aber sie ist eigentlich nicht im Handel und überdies habe ich keine zweite, die zu ihr passt, um ein Paar abzugeben: sie ist ein Einzelstück.“

 

Während dieser Worte trat ich zu dem geöffneten Juwelenschrank hinter mir und entnahm einem gesonderten Fach eine einzelne Perle, die ich - ungefasst wie sie war - auf dem bloßen Handteller dem Herrn und der Dame zum Betrachten vorwies.

 

„Ah! Wundervoll!“ sagte der Engländer in sichtlicher Freude, und auch die Frau konnte sich eines Zeichens des Entzückens nicht erwehren.

 

Ich fasste die Perle zwischen die gespitzten Finger meiner rechten Hand und näherte sie langsam dem Ohr der schönen Frau, die es dem Schmuckstück leicht entgegenhielt. In diesem Augenblick gewahrte ich, dass dies allerdings eine Perle war, mit der man dies Ohr hätte schmücken müssen, um seinen Liebreiz, um die Schönheit dieses Antlitzes, um den Adel dieser Gestalt recht zu fassen. Die Größe der Perle, ihre Farbe, ein gedämpfter grauer und dennoch zugleich rosenfarbener Ton, ihr Glanz, ihre Rundung, ihre ganze Körperlichkeit, ihre Transparenz, ihr Schmelz, ihr zarter eigener Flaum - man konnte sich nichts Schöneres für diese Frau vorstellen.

 

„Ich möchte aber die Perle auf alle Fälle kaufen. Machen Sie mir einen Preis. “

 

Wie er dies so hinsagte, als ob es nichts sei, um das es ginge, ritt mich der Teufel. Ich nannte einen ungeheuren Preis, wie er sicher noch nie für eine Perle bezahlt wurde. Ich wollte ihn abschrecken und ihm zugleich klarmachen, was ich von meiner Perle hielt. Ich hätte eher der Frau die Perle verehren mögen als sie ihm verkaufen und dachte eigentlich nicht daran, meine heimliche Augenweide preiszugeben.

 

„Sehr teuer“, sagte der Engländer mit einem leichten Vorwurf. Aber es erschütterte ihn nicht. Er wiederholte den Preis. Er überlegte anscheinend. „Gut“, sagte er, „ich kaufe die Perle. Sie werden mir die zweite dazu suchen. Ich zahle für die zweite jeden Preis. “

 

„Die Perle ist ohne Fassung“, sagte ich; „erlauben Sie mir, ihr wenigstens die Fassung zu geben, die ihr ansteht und die Madame ansteht, die sie tragen wird. Ich werde vorsehen, dass man sie auch einzeln tragen kann; denn es wird schwer sein - vielleicht unmöglich - eine gleiche zu finden. “

 

„Das soll mich nicht hindern, dass ich sie bezahle“, erwiderte der Engländer. Er händigte mir den Scheck ein, gab mir seine Londoner Wohnung in Park Lane am Hydepark an und verließ, selbstbewusst und gelassen seiner schönen Frau folgend, meinen Geschäftsraum.

 

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, wurde mir bewusst, was ich getan hatte. Es reute mich, dass ich mich um schnöden Gewinn von der Perle, die meine Freude gewesen war, trennen sollte. Aber noch mehr: ich fühlte eine Eifersucht an meinem Herzen bohren, dass es ihm erlaubt sein sollte, nun für sein Geld die Frau mit meiner Perle zu schmücken.

 

Der Ehrgeiz des Goldschmiedes ergriff mich: dann sollte sie wenigstens eine Fassung erhalten, die sich als ein Meisterstück sehen lassen konnte. Es würde dennoch meine Perle sein, die sie trug. Ich konnte diese Frau nicht ansingen, konnte mich ihr vielleicht überhaupt nicht nähern - aber ich konnte sie schmücken.

 

Ich ließ es mir nicht nehmen, nach London zu fahren, um ihr die Perle womöglich persönlich zu überreichen. Diese war jetzt in einen schwellenden Kelch von grünlichem Golde gefasst. Er war von jener Einfachheit der Form, wie sie sonst nur die Natur selbst hervorbringt und die nur Meisterwerke von Menschenhand sich erlauben können. Ich arbeitete und bildete ihn mit einer Inbrunst, die ich nie an mir gekannt hatte. Nur mit der Vollkommenheit dieser Perle durfte ich das Vornehmste wagen. Sie war das schönste Ohrgehänge, das ich je in der Hand hielt. Sie war auch einzeln am Hals zu tragen, da ich einen goldenen Faden glühen ließ, den ich ihr beizulegen gedachte, wenn ich sie der Frau überbrachte.

 

Ich betrat ein mit allem Bedacht und allem Geschmack ausgestattetes Heim in der angegebenen Straße. Es war wohl nur gemietet. In dem Ablegeraum fand sich reichliches Angelgerät für alle Fische der Welt. Als ich es mit prüfendem Blick streifte, sagte der Diener, der Herr sei zum Fischen auf dem Lande. Die Lady bitte mich, sie in dem Vorraum ihres Ankleidezimmers zu erwarten.

 

Sie betrat nach einer Weile diesen Vorraum in voller Abendtoilette. Sie erwarte ihren Mann, sagte sie, der schon für den Abend umgezogen aus einem öffentlichen Dampfbad komme, das er nach Jagd- oder Fischereitagen häuslicher Bedienung vorziehe; er hole sie nur gerade zu einem frühen Diner ab. Da müsse sie bereit sein.

 

Als ich ihr die Perle überreichte, ließ sie sich schweigend, wie betroffen, auf einen kleinen Schemel niedersinken. Die Perle lag lange in der Höhlung ihrer Hand.

 

„Ich danke Ihnen“, sagte sie leise und überwältigt. „Ich werde sie heute das erste Mal tragen. “ Bei diesen Worten erhob sie sich und legte, mir das Schmuckstück zurückgebend, eine Kette ab, die sie für den Abend schon um ihren Hals geschlossen hatte.

 

Ich zitterte. Denn nun nahm sie den geglühten Reifen, nahm die Perle, nahm meinen Schmuck, mit dem ich sie schmückte, aus meiner Hand, bog das Gold des Reifs auseinander und legte es, vor den Spiegel tretend, um ihren jungen Hals.

 

Ich aber stand hinter ihr und genoss ihren Anblick im Spiegel wie einen geheimen Triumph, den mir niemand rauben konnte.

 

Endlich fragte sie halb verträumt, mich im Spiegel anblickend: „Werden Sie die zweite für mich finden? “ Es war ein leiser Zweifel in ihrer Stimme.

 

„Wenn es überhaupt eine zweite dieser Vollkommenheit und Schönheit auf der Welt gibt, bin ich sicher, sie zu finden“, sagte ich zuversichtlich, während sie sich wieder in den Anblick der Perle vertiefte.

 

„Ich muss fort“, sagte sie plötzlich aufschreckend. — Es klingelte und ein Diener meldete vor der Tür, Mylord erwarte die Lady im Wagen. „Ich danke Ihnen“, sagte sie noch einmal wie zuvor, leise und feierlich; danach verbeugte sie sich mit niedergeschlagenen Augen und seitlich gebreiteten Armen tief vor mir, wie zu einer Huldigung. Dann ging sie.

 

Als ich die Treppe hinter ihr hinabstieg, erhaschte ich nur noch einen Wink ihres Gatten und einen freundlichen Zuruf, wie es mir schien, aus dem sich entfernenden Wagen.

 

Mehr als zwei Jahre, nachdem ich mich von meiner Perle getrennt hatte, wurde mir von einem Wiener Goldschmied, Leiter eines dort berühmten Juwelengeschäftes, eine Perle angeboten, die nach Größe und Lüster, nach allen Eigenschaften, die er von ihr angab, etwa derjenigen gleichkommen mochte, die ich seinerzeit besessen. Ein junger Inder habe sie ihm zum Kaufe angeboten. Doch könne er die Perle wegen des zu hohen Preises nicht verwerten. Die Perle sei wohl eher für den Pariser Markt geeignet.

 

Der Preis überstieg alles bisher Erhörte. Er war annähernd doppelt so hoch wie der, den ich für meine Perle erhalten hatte. Ich sandte ein umfangreiches Telegramm nach London. Ich musste wissen, ob der Engländer noch zu seinem Auftrag stehe.

 

„Ich zahle für die zweite Perle jeden Preis“, war seine Antwort.

 

Am nächsten Tag reiste ich nach Wien.

 

Eine nie gefühlte Spannung ergriff und beunruhigte mich. War die Perle, der ich entgegenfuhr, wirklich das Gegenstück der meinen, so stand mir nicht nur das größte Geschäft, sondern auch das größte Erlebnis meines Berufes bevor.

 

In Wien fanden die Verhandlungen in dem hinter dem geräumigen Laden des Juweliers gelegenen Geheimkabinett statt, das ihm zur Untersuchung aller Arten von Edelsteinen und Schmuck diente. „Machen Sie sich auf die schönste Perle gefasst, die Sie je gesehen haben“, sagte er lächelnd.

 

Er nahm sie aus einer kleinen Sandelholzschachtel, in der sie ihm der Inder in ein Stück Seide gebettet übergeben hatte.

 

Ich war wie von einem Blitz durchzuckt, als er sie vor mich hinlegte. Denn ich sah auf den ersten Blick, dass es die Perle war, die ich suchte. Sie war das vollkommene, das täuschende Gegenstück jener ersten.

 

Ich brauche nicht zu sagen, dass ich sie hundertmal betrachtete, in jedem Licht, in jedem Schatten, von jeder Nähe und von jeder Entfernung: sie blieb das völlige Ebenbild der meinen. Ich glaubte einen kleinen Unterschied im Umfang, in der Größe zu entdecken, zu messen - er war, wenn überhaupt vorhanden, so gering, dass er nicht ins Gewicht fiel.

 

Ich kaufte die Perle. Es war das Werk einer halben Stunde. Ich telegraphierte das Ergebnis meinem Bruder nach Paris, meinem Auftraggeber nach London. Als ich die Perle in der Tasche hatte, erschien mir jedes längere Verweilen in Wien unmöglich und unsinnig.

 

Ich stellte fest, dass ich, wenn ich auf meiner Fahrt nach London Paris nicht berühren, sondern durch Deutschland am Rhein hinunterfahren würde, einige Stunden sparen könnte. Ich nahm diesen Weg. Mehr als ich mir eingestand, brannte ich darauf, der Frau, die in meinem Herzen lebte, die Perle zu überbringen, sie wiederzusehen, ihren dankenden Blick, ihr leises Wort des Lobes zu ernten und mir darin den Lohn für meine Bemühungen, für meine Geschicklichkeit zu holen.

 

Das Nachtschiff von Hoek van Holland kam damals in den Frühstunden in Harwich an; man erreichte London am Morgen zu guter Stunde. Ich konnte es kaum erwarten und gedachte, die Frau, den Mann so bald als möglich durch die Perle, mit deren so frühem Eintreffen sie nicht gerechnet haben konnten, zu überraschen. Sobald es mir schicklich schien, fuhr ich nach Park Lane.

 

„Es ist niemand im ersten Stock“, sagte der Pförtner, der mir öffnete. Ich überhörte seine Bemerkung; ich eilte schon die Stufen hinauf. Die Tür stand offen; ich trat in den Vorraum — die Wohnung war leer.

 

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Der Pförtner, der hinter mir, meine Verwunderung vermutend, heraufgekommen war, antwortete auf Befragen, die Wohnung sei in den letzten Tagen ordnungsmäßig geräumt worden. Mylord habe sich gestern nach Indien eingeschifft. Die Lady sei, soviel er wisse, am gleichen Tage auf ihren Wunsch nach Paris gefahren.

 

Ich konnte mir das alles nicht zusammenreimen. Es würde sich ja, sagte ich mir, alles aufklären. Aber die unbestimmte Angst eines Unheils stieg dennoch in mir auf. Wollte sie vielleicht die Perle in Paris in Empfang nehmen?

 

Ich machte mich sofort auf die Fahrt nach Paris. Als ich noch an dem gleichen Tage in Calais die Landungsbrücke betrat, klopften mir Herz und Pulse zum Zerspringen: Ich gewahrte am Ende der Brücke meinen Bruder unter den Menschen, die die Ankommenden erwarteten. Er war bleich und verfallen.

 

„Unglückseliger! “ rief er mir zu, als ich ihm gegenüberstand, und sah mir starr ins Gesicht.

 

Da schlug es mir plötzlich wie Flammen in die Augen. Eine grässliche Klarheit fiel über mich her und vernichtete mich. Ja! Ich war ein Unglückseliger: ich hatte in ungeheurer Verblendung meine eigene Perle wiedergekauft.

 

Aus: Buchklubjahrbuch 1954. Seite 95/101.

 

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