HAIKU

 

Sadako trifft auf ihren Spaziergängen durch das Krankenhaus die Haiku-Dichterin Sonome. Sie bringt Sadako das Schreiben von Haikus bei und erklärt ihr, wie sie vorgehen muss:

„3 Zeilen. Hör genau zu, Mädchen:

Die Nachtigall singt.
Mit meiner Familie
sitz ich beim Essen.

Erste Zeile: 5 Silben, zweite Zeile: 7 Silben, dritte Zeile: 5 Silben. Und: in jedem Haiku muss die Jahreszeit erahnbar oder ausgesprochen sein. Wann singt die Nachtigall? Im Sommer. Titel kann sein, muss nicht sein. Der Anfang ist einfach, die Vollendung ist Weisheit.“

Die ersten japanischen Gedichte wurden 375 n. Chr. aufgeschrieben, als die chinesischen Schriftzeichen eingeführt wurden. Die älteste japanische Gedichtsammlung besteht aus 5000 Gedichten, von denen die meisten Tanka sind; das sind 5-zeilige Gedichte mit einer Ober- (5, 7 und 5 Silben) und einer Unterstrophe (7 und 7 Silben). Man dichtete also schon nach einem genauen Muster. Diese Texte waren auch beim Volk sehr beliebt.

Im 16. Jahrhundert entwickelten sich die Oberstrophen, genannt Hokku, zur selbstständigen literarischen Form, dem Haiku.

Die Blütezeit erlebte das Haiku im 17. und 18. Jahrhundert, das auch die Blütezeit des Zen-Buddhismus war. Im Mittelpunkt der Lehre stand, dass jeder kleinste Gegenstand eine Erscheinung Gottes (Buddha) ist. Dadurch kann selbst in einem unscheinbaren Ding viel Schönes erfahren werden.

Aufbau: Das Haiku besteht also aus 3 Zeilen mit 5, 7 und 5 Silben, wobei das nicht immer ganz genau genommen wird. Eine japanische Regel besagt aber, dass es insgesamt 17 Silben sein müssen. Es gibt keinen Rhythmus und keinen Reim, die Gedichte sind ganz schlicht. Sie erklären nichts, sie zeigen etwas und lassen immer genug Spielraum für die eigene Interpretation des Betrachters. Wie im Zen-Buddhismus gibt es auch im Haiku nur eine Zeit, das Jetzt, und einen Ort, das Hier. In den Haikus kommt auch die Liebe der Japaner zur Natur zum Ausdruck. Das traditionelle Haiku hat – wie ja auch Sonome Sadako erklärt – ein Jahreszeitenwort (= Kigo). In Japan gibt es eigene Nachschlagewerke, in denen man alle erlaubten Kigos findet. Sie heißen Saijiki.

Die bedeutendsten Haiku-Dichter stammen aus der Edo-Zeit (1603 - 1867), die eine lange Zeit des Friedens waren. Es sind dies zum Beispiel Basho (1644 - 1694) und Buson (1716 - 1783), von denen du mehrere Haikus in deinem GORILLA-Band findest. Mehr Haikus ...

Wegen seiner Schlichtheit ist das Haiku nicht nur in Japan, sondern mittlerweile in allen Ländern eine beliebte Gedichtform geworden. In vielen Ländern gibt es eigene Haiku-Gesellschaften, auch Wettbewerbe werden oft ausgeschrieben. Viele Zeitschriften in allen Sprachen widmen sich nur dem Haiku und im Internet ist das Haiku die beliebteste Lyrikform. Wenn du in einer Suchmaschine, wie zum Beispiel Google, das Wort Haiku eingibst, findest du sehr viele Seiten mit Haikus von Internet-Usern ...

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Auch du kannst ein Haiku schreiben. Versuch es einmal! Was hat Sonome gesagt? – Der Anfang ist einfach.

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